Die biologische Wertigkeit (BW) gibt an, wie viel Körperprotein aus 100 g eines Nahrungsproteins aufgebaut werden kann. Vollei wurde dabei auf 100 gesetzt. Das Konzept stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert und ist bis heute in Werbetexten beliebt, wissenschaftlich aber weitgehend durch PDCAAS und DIAAS abgelöst.
Woher die biologische Wertigkeit kommt
Der Ernährungswissenschaftler Karl Thomas entwickelte das Konzept 1909. Gemessen wurde, wie viel des aufgenommenen Stickstoffs (ein Maß für Protein) der Körper behält, statt ihn wieder auszuscheiden. Je mehr zurückbehalten wurde, desto besser passte das Protein zum Bedarf des Körpers.
Als Referenz diente das Hühnerei mit einem Wert von 100. Proteine, die besser verwertet werden als Ei, kommen auf Werte über 100.
Typische Werte
| Proteinquelle | Biologische Wertigkeit (ca.) |
|---|---|
| Molkenprotein (Whey) | 100–110 |
| Vollei | 100 |
| Kuhmilch | 85–90 |
| Rindfleisch | 80–90 |
| Soja | 75–85 |
| Reis | 65–80 |
| Bohnen | 60–75 |
| Weizen | 55–60 |
Die Werte schwanken je nach Quelle der Tabelle deutlich, weil sie mit unterschiedlichen Methoden und oft an Ratten gemessen wurden.
Kombinationen schlagen Einzelquellen
Bekannt geworden ist die Kombination aus Kartoffel und Ei, die in älteren Untersuchungen auf eine BW von über 130 kam. Das Prinzip dahinter gilt bis heute, denn zwei Proteine mit unterschiedlichen Schwächen gleichen sich aus. Deshalb funktionieren Mischungen aus Erbse und Reis oder Getreide und Hülsenfrüchten so gut. Mehr dazu in Veganes Protein im Vergleich.
Warum die BW heute als überholt gilt
Die biologische Wertigkeit hat mehrere Schwächen:
- Sie wurde häufig an Tieren gemessen, deren Bedarf sich vom Menschen unterscheidet.
- Sie berücksichtigt die Verdaulichkeit nur indirekt.
- Die Messbedingungen beeinflussen das Ergebnis stark, deshalb sind Tabellenwerte kaum vergleichbar.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) empfahl deshalb 1991 den PDCAAS (Protein Digestibility Corrected Amino Acid Score) und 2013 den DIAAS (Digestible Indispensable Amino Acid Score). Der DIAAS misst die Verdaulichkeit jeder einzelnen essenziellen Aminosäure am Ende des Dünndarms und gilt heute als genaueste Methode.
| Proteinquelle | DIAAS (ca.) |
|---|---|
| Whey, Milch, Ei | über 1,0 |
| Soja-Isolat | 0,9–1,0 |
| Erbsenprotein | ca. 0,8 |
| Reisprotein | 0,5–0,6 |
| Weizen | 0,4–0,5 |
Wie Protein+ Proteinqualität bewertet
Wir nutzen weder die BW noch reine DIAAS-Tabellen. Stattdessen rechnen wir das nutzbare Protein pro 100 g aus, also Proteingehalt mal Aminosäure-Score mal Verdaulichkeit der Quelle. So lassen sich Pulver direkt vergleichen, auch wenn sie aus unterschiedlichen Quellen stammen. Die Methode erklären wir im Artikel Nutzbares Protein pro 100 g berechnen.
Häufige Fragen
Warum liegt Whey über 100?
Weil Molkenprotein in den Messungen besser verwertet wurde als Vollei, das als 100 definiert ist. Werte über 100 bedeuten also „besser als die Referenz“ und sind kein Messfehler.
Ist eine hohe biologische Wertigkeit wichtig?
Bei abwechslungsreicher Ernährung spielt sie kaum eine Rolle, weil sich verschiedene Proteine im Laufe des Tages ergänzen. Mehr Gewicht bekommt die Proteinqualität bei einseitiger Ernährung, geringer Gesamtzufuhr oder im Alter.
Warum steht die biologische Wertigkeit noch auf Verpackungen?
Weil sie einfach zu verstehen ist und hohe Zahlen gut aussehen. Wissenschaftlich aussagekräftiger sind DIAAS-Werte, die aber bisher kaum ein Hersteller angibt.
Fazit
Die biologische Wertigkeit war ein wichtiger erster Schritt, um Proteine zu vergleichen, ist aber methodisch überholt. Tierische Proteine und Soja sind hochwertig, andere Pflanzenproteine werden durch Kombination besser. Wer Pulver vergleichen will, schaut besser auf das nutzbare Protein als auf alte BW-Tabellen.
Stand: Oktober 2026.